
Warum klassische Erziehung an ihre Grenzen kommt – und was hochsensible Kinder uns darüber zeigen
Inhaltsverzeichnis
Oder wie Lernen aus heutiger neurobiologischer Sicht wirklich funktioniert
Vielleicht hast du das Gefühl, dass sich Erziehung mit deinem Kind oft anstrengender anfühlt, als du es erwartet hast.
Dass du dir Mühe gibst, erklärst, begleitest – und trotzdem immer wieder an Punkte kommst, an denen nichts mehr zu funktionieren scheint.
Viele Eltern stellen sich irgendwann leise diese Frage:
„Warum fühlt sich Erziehung für uns so schwer an – obwohl wir doch so bewusst und liebevoll sein wollen?“
Gerade Eltern hochsensibler Kinder kennen dieses Gefühl sehr gut.
Und genau hier lohnt sich ein neuer Blick.
Wie klassische Erziehung funktioniert – und warum sie uns überall begegnet
Die meisten von uns sind mit einer bestimmten Vorstellung von Erziehung aufgewachsen.
Eine, die unausgesprochen sagt:
Kinder müssen sich anpassen
sie müssen lernen, sich zusammenzureißen
ohne Konsequenzen lernen sie nichts
das Leben ist nun einmal kein Wunschkonzert
Diese Form der Erziehung ist nicht böse gemeint.
Sie ist historisch gewachsen – und tief in unserer Gesellschaft verankert.
Wir begegnen ihr bis heute überall:
in Schule und Kindergarten
bei den Großeltern
in gut gemeinten Ratschlägen
und oft auch in unserer eigenen inneren Stimme
Sätze wie:
„Da musst du jetzt durch.“
„Das muss man aushalten.“
„Sonst lernt es das nie.“
Wichtig für uns ist dabei:
Die meisten Eltern erziehen nicht so, weil sie es wollen,
sondern weil sie es selbst so gelernt haben.
Und jetzt heißt es für uns diese alten Muster zu überdenken.
Wie Lernen aus heutiger neurobiologischer Sicht wirklich funktioniert
In den letzten Jahren hat sich unser Wissen über Lernen grundlegend verändert.
Heute wissen wir:
Lernen ist kein Willensakt.
Lernen ist ein Zustand des Nervensystems.
Das Nervensystem stellt ununterbrochen eine einzige Frage:
Bin ich sicher – oder nicht?
Fühlt sich ein Kind sicher – also:
gesehen
gehört
emotional verbunden
genau dann ist Lernen möglich.
Fühlt sich ein Kind hingegen bedroht – durch Druck, Überforderung, Angst oder Beschämung – schaltet das Nervensystem in den Schutzmodus.
Und im Schutzmodus:
wird nicht reflektiert
wird nicht gelernt
wird nicht bewusst entschieden
Ein zentraler Satz an dieser Stelle:
Beziehung ist kein Bonus fürs Lernen – sie ist die Voraussetzung.
Dieses Wissen ist noch sehr jung.
Wenn wir die Geschichte der Erziehung als einen Tag mit 24 Stunden betrachten, liegen diese Erkenntnisse gerade einmal in den letzten ein bis zwei Minuten.
Niemand hat etwas verpasst.
Wir stehen mitten in einem Übergang.
Warum klassische Erziehung bei hochsensiblen Kindern an ihre Grenzen kommt
(und eigentlich bei allen Kindern)
Hochsensible Kinder zeigen uns besonders deutlich, wo klassische Erziehung nicht mehr trägt.
Nicht, weil mit ihnen etwas nicht stimmt.
Sondern weil ihr Nervensystem:
Reize intensiver wahrnimmt
schneller überfordert ist
früher in den Schutzmodus geht
Was bei anderen Kindern vielleicht noch „funktioniert“, bricht bei hochsensiblen Kindern oft sehr schnell zusammen.
Dabei ist wichtig zu verstehen:
Hochsensible Kinder sind kein Sonderfall. Sie sind ein Verstärker.
Sie machen sichtbar, was eigentlich alle Nervensysteme brauchen – nur eben früher und deutlicher.
Klassische Erziehung versucht häufig, Verhalten zu kontrollieren:
durch Belohnung
durch Konsequenzen
durch Druck
durch Appelle wie: „Reiß dich zusammen.“
Ein hochsensibles Nervensystem kann das nicht leisten, wenn es überreizt ist.
Nicht, weil das Kind nicht will.
Sondern weil es nicht kann.
Wir können uns merken: Unsere Kinder wollen immer kooperieren, sie können es nur nicht immer.
Was dann wie Trotz wirkt, ist oft Überforderung.
Was wie Verweigerung aussieht, ist ein Nervensystem, das sich schützen muss.
Und wenn wir ehrlich sind:
Das gilt eigentlich für alle Kinder – hochsensible zeigen es uns nur früher.
Ein wichtiger Perspektivwechsel zwischen klassischer Erziehung und Begleitung auf Augenhöhe
Klassische Erziehung fragt:
„Wie bekomme ich das Verhalten des Kindes in den Griff?“
Begleitung auf Augenhöhe fragt:
„Was braucht das Nervensystem, damit Entwicklung möglich wird?“
Das ist kein Weichwerden.
Das ist neurobiologische Realität.
Vielleicht hast du Sätze gehört wie:
„Dein Kind will doch nur Aufmerksamkeit.“
„Jetzt testet er aber wirklich seine Grenzen.“
„Da musst du konsequent sein.“
Wenn du das kennst, darfst du wissen:
Dein Kind ist nicht manipulativ
Du bist nicht zu weich
Und ihr seid nicht gescheitert
Ihr bewegt euch lediglich bereits in einem neuen Verständnis von Entwicklung.
Die Kernbotschaft: Beziehung ist kein Bonus fürs Lernen - sie ist die Voraussetzung
Klassische Erziehung will Verhalten formen.
Moderne Begleitung stärkt das Nervensystem.
Und erst, wenn das Nervensystem sich sicher fühlt, werden möglich:
Beziehung
Lernen
Entwicklung
Hochsensible Kinder erinnern uns genau daran.
Weiterführende Impulse
In weiteren Artikeln werde ich u. a. darauf eingehen:
wie hochsensible Eltern ihr Nervensystem stärken können Link
wie Grenzen liebevoll gesetzt werden können
wie Reizüberflutung im Alltag reduziert wird
und warum Selbstfürsorge kein Luxus, sondern Voraussetzung ist
💛 Wenn du dich hier wiedergefunden hast, bist du nicht allein.
Vielleicht kennst du dieses Gefühl auch.
Als Elternteil hochsensibler Kinder weiß ich aus Erfahrung, wie eng Liebe, Verständnis und Erschöpfung beieinanderliegen.
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Themen: Hochsensibilität bei Kindern, Erziehung, Begleitung, Lernen

Dr. Mechtild Strüßmann
Hochsensibilität | Friedvolle Elternschaft | Tiefenpsychologie
Als ganzheitlich denkende Ärztin mit tiefenpsychlogischer Weiterbildung und Coach für Persönlichkeitsentwicklung, Hochsensibilität und friedvolle Elternschaft helfe ich dir in deine volle Kraft. Deine Freiheit beginnt bei dir. Für Dich. Für deine Familie.

Quellen & weiterführende Literatur
Hochsensibilität bei Kindern (Grundlagen)
Aron, E. N. (1996).
The Highly Sensitive Person. Broadway Books.
Grundlagenwerk zur Sensory Processing Sensitivity (SPS) – beschreibt die neurobiologische Tiefe der Reizverarbeitung bei hochsensiblen Menschen.
Aron, E. N., Aron, A., & Jagiellowicz, J. (2012).
Sensory Processing Sensitivity: A Review in the Light of the Evolution of Biological Responsivity.
Personality and Social Psychology Review, 16(3), 262–282.
Wissenschaftliche Einordnung von Hochsensibilität als Temperamentsmerkmal.
Lernen ist ein Zustand des Nervensystem & Beziehung ist Voraussetzung fürs Lernen
Cherland E. The Polyvagal Theory: Neurophysiological Foundations of Emotions, Attachment, Communication, Self-Regulation. J Can Acad Child Adolesc Psychiatry. 2012 Nov;21(4):313–4. PMCID: PMC3490536
Beschreibt die Rolle des autonomen Nervensystems (ventraler Vagus vs. Sympathikus/Dorsalvagus) für Sicherheit, Stressreaktionen und Lernbereitschaft. Sicherheit aktiviert Lern- und Explorationsfähigkeit, Stress/Angst Schutzmechanismen.
Siegel, D. J. (2012). The Developing Mind: How Relationships and the Brain Interact to Shape Who We Are. 2nd Edition, Guilford Press.
Zeigt, dass neuronale Entwicklung, Lernfähigkeit und Selbstregulation stark zustandsabhängig sind; sichere Zustände fördern Aufnahmebereitschaft und Lernprozesse.
Schore, A. N. (2015). Affect Regulation and the Origin of the Self: The Neurobiology of Emotional Development. 2nd Edition, Routledge.
Diese Arbeit fasst zusammen, wie emotionale Zustände über neuronale Systeme Lernen und exploratives Verhalten beeinflussen.