Hochsensibles Kind, erschöpfte Eltern Wenn Co-Regulation zur Dauerbelastung wird

Hochsensibles Kind, erschöpfte Eltern: Wenn Co-Regulation zur Dauerbelastung wird

Inhaltsverzeichnis

Hochsensibles Kind: Warum Co-Regulation Eltern erschöpfen kann

Viele Eltern hochsensibler Kinder lieben ihre Feinfühligkeit, ihre Tiefe, ihre besondere Art, die Welt wahrzunehmen.
Und gleichzeitig fühlen sie sich müde. Leer. Daueransprechbar.

Der Alltag ist geprägt von Trösten, Begleiten, Erklären, Auffangen – oft ohne echte Pausen. Was nach liebevoller Bindungsarbeit klingt, wird für viele Eltern zur permanenten inneren Alarmbereitschaft.

Ein zentrales Stichwort dabei ist Co-Regulation: das gemeinsame Regulieren von Emotionen, das hochsensible Kinder besonders brauchen.
Doch was passiert, wenn Co-Regulation nicht mehr begleitet, sondern dauerhaft ersetzt?
Wenn Eltern kaum noch zwischen Unterstützung und Selbstaufgabe unterscheiden können?

Warum viele Eltern hochsensibler Kinder erschöpft sind – und kaum darüber sprechen

Erschöpfung fühlt sich für viele Eltern hochsensibler Kinder wie ein Tabu an.
Schließlich will man als Elternteil präsent sein, Bedürfnisse seines Kindes erkennen und bestmöglich unterstützen.
Doch gerade hochsensible Kinder brauchen viel – und Eltern geben oft mehr, als sie langfristig tragen können.

Was Co-Regulation wirklich bedeutet – und wo ihre Grenze liegt

Co-Regulation beschreibt die Fähigkeit eines Kindes, Emotionen mithilfe eines anderen Menschen zu regulieren.
Gerade hochsensible Kinder sind darauf besonders angewiesen, weil ihr Nervensystem Reize intensiver verarbeitet und langsamer wieder in Balance kommt.

Oder anders gesagt: Co-Regulation bedeutet,
dass wir als Eltern die Emotionen, Spannungen und Bedürfnisse unserer Kinder halten, übersetzen und mitregulieren.
Es ist ein liebevoller Prozess, der Nähe und Sicherheit schafft.
Normalerweise ist er zeitlich begrenzt, kann „abgearbeitet“ werden – und danach fühlen wir uns bereichert, verbunden mit unserem Kind.

Was Co-Regulation ist

Co-Regulation bedeutet:
Ein Erwachsener bleibt emotional stabil, ansprechbar und präsent, während das Kind starke Gefühle erlebt.

Das kann sein:

  • ruhig bleiben, wenn das Kind weint oder wütend ist

  • Gefühle benennen („Das war gerade zu viel für dich“ oder „Das macht dich gerade richtig wütend“ )

  • Nähe anbieten – körperlich oder emotional

  • Sicherheit vermitteln, ohne das Gefühl sofort „wegzumachen“

Wichtig:
Co-Regulation heißt nicht, jedes Gefühl zu verhindern oder jede Frustration aufzulösen.
Sie ist ein Lernfeld, kein Dauerzustand.

Warum Co-Regulation normalerweise nährt

In einer gesunden Balance wirkt Co-Regulation für beide Seiten stabilisierend:

  • Kinder lernen: „Meine Gefühle sind in Ordnung und ich kann mit ihnen umgehen.“

  • Eltern erleben sich als wirksam, verbunden und sicher

  • Das kindliche Nervensystem übernimmt mit der Zeit immer mehr Selbstregulation

Langfristig ist Co-Regulation also ein Übergang:
vom „Ich brauche dich, um mich zu beruhigen“
hin zu „Ich kann mich zunehmend selbst regulieren – und weiß, dass du da bist, wenn es wirklich nötig ist.“

Gerade bei hochsensiblen Kindern kann dieser Prozess länger dauern – aber er bleibt trotzdem ein Prozess.

Wann Co-Regulation kippt

Manchmal erleben wir Situationen, in denen Co-Regulation nicht mehr nur ein Moment der Verbindung ist, sondern zu einer Daueraufgabe wird. Das kann zum Beispiel passieren, wenn: 

  • das Kind in Fremdbetreuung ist, die seine Bedürfnisse nicht erfüllt, nicht passend ist oder den Temperamenttyp des Kindes nicht versteht
  • Eltern permanent in der Rolle des Regulativs stehen, ohne selbst Entlastung zu bekommen
  • die eigene innere Balance durch Stress, Müdigkeit oder alte Glaubenssätze belastet ist

Gerade für hochsensible Kinder verstärkt sich dieser Effekt: Sie nehmen Reize intensiver wahr, verarbeiten Emotionen tiefer und brauchen mehr emotionale Resonanz. Das bedeutet für Eltern mehr Aufmerksamkeit, mehr Feinfühligkeit – und damit mehr Energie.

Problematisch wird Co-Regulation dann, wenn sie nicht mehr begleitet, sondern ersetzt.

Typische Warnzeichen:

  • Eltern sind permanent innerlich auf Alarm

  • das Kind erwartet sofortige emotionale Übernahme

  • eigene Bedürfnisse der Eltern werden chronisch zurückgestellt

  • Erschöpfung, Gereiztheit oder innere Leere nehmen zu

Dann entsteht ungewollt ein Muster, in dem:

  • das Kind kaum eigene Regulationsstrategien entwickelt

  • Eltern das Gefühl bekommen, ständig gebraucht zu werden

  • Nähe sich nicht mehr nährend, sondern belastend anfühlt

Die Grenze der Co-Regulation ist dort erreicht, wo Eltern sich selbst verlieren.

Für hochsensible Kinder ist das kein Gewinn – im Gegenteil:
Sie spüren die Überforderung ihrer Bezugspersonen sehr genau.

Woran Eltern merken, dass das System überlastet ist

Wenn das System über lange Zeit überlastet ist merken Eltern häufig:

  • Freude wird zur Anstrengung
  • Nähe fühlt sich manchmal wie Verantwortungspflicht an
  • Stress Level steigt und Schuldgefühle nehmen zu
  • innere Wut oder Erschöpfung zeigen sich

Es ist nicht die Schuld des Kindes. Und es ist auch nicht ein Zeichen, dass Eltern „schlecht“ oder „nicht genug“ sind. Es ist ein Warnsignal des Systems: Das Maß an Co-Regulation übersteigt das, was im Moment tragbar ist.

Warum hochsensible Eltern besonders gefährdet sind auszubrennen

Eltern hochsensibler Kinder sind häufig selbst feinfühlige, wahrnehmungsstarke Menschen. Diese Fähigkeit ist eine große Ressource – sie birgt jedoch auch ein erhöhtes Risiko für emotionale Erschöpfung, wenn sie dauerhaft gefordert wird.

Emotionale Resonanz: Wenn Gefühle mitschwingen

Hochsensible Eltern nehmen Stimmungen, Spannungen und unausgesprochene Bedürfnisse ihres Kindes besonders intensiv wahr.
Sie spüren, wenn etwas nicht stimmt – oft noch bevor das Kind selbst Worte dafür findet.

Diese starke emotionale Resonanz führt dazu, dass Gefühle nicht nur erkannt, sondern innerlich mitgetragen werden. Auf Dauer entsteht so eine Art permanenter innerer Mitbewegung.
Was als Feinfühligkeit beginnt, kann unbemerkt zu emotionaler Dauerbelastung werden.

Starkes Verantwortungsgefühl: „Ich muss das auffangen“

Viele hochsensible Eltern haben ein ausgeprägtes Verantwortungsbewusstsein.
Sie wollen ihr Kind schützen, verstehen, stärken – und empfinden es schnell als ihre Aufgabe, emotionale Zustände aufzufangen und zu lösen.

Gerade bei hochsensiblen Kindern verstärkt sich dieses Muster:
Wenn das Kind leidet, fühlen sich die Eltern oft unmittelbar zuständig. Nicht selten entsteht der innere Druck, immer verfügbar, immer regulierend und immer verständnisvoll sein zu müssen.

Dieses hohe Verantwortungsgefühl ist liebevoll gemeint – kann aber langfristig zu Überforderung führen, wenn es keine klaren Grenzen gibt.

Fehlende Abgrenzung: Wenn Selbstfürsorge verloren geht

Ein weiterer Risikofaktor ist die mangelnde Abgrenzung – nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus Verbundenheit.
Hochsensible Eltern stellen ihre eigenen Bedürfnisse häufig zurück, um die ihres Kindes zuerst zu erfüllen.

Dabei verschwimmen die inneren Grenzen:

  • Erschöpfung wird ignoriert

  • eigene Gefühle werden relativiert

  • Pausen erscheinen „egoistisch“

So entsteht ein Zustand, in dem das elterliche System ständig gibt, ohne sich regenerieren zu können.

Burnout entsteht hier nicht durch mangelnde Liebe – sondern durch zu viel ungeschützte Nähe.

Was Eltern tun können, wenn Co-Regulation zu viel wird

Wenn Eltern ihre eigene Überlastung lange nicht wahrnehmen oder sich nicht eingestehen, laufen sie Gefahr, über ihre inneren Ressourcen hinauszugehen, bevor sie es merken. Wichtig ist deshalb nicht „mehr Durchhalten“, sondern ein bewusster Umgang mit den eigenen Grenzen.

1. Das eigene innere System wahrnehmen

Der erste Schritt ist, die eigenen Reaktionen ernst zu nehmen.
Achte darauf, wann und wie sich Überforderung zeigt: als Müdigkeit, Gereiztheit, innere Wut oder emotionale Leere.

Diese Signale sind kein Versagen, sondern wertvolle Hinweise deines Nervensystems.
Hilfreich ist es, Gefühle bewusst zu benennen – ohne sie zu bewerten.

Beispiel:
„Ich merke, dass ich gerade sehr müde und wütend bin. Das ist ein Zeichen, dass mein System voll ist.“

Allein dieses Anerkennen kann bereits entlastend wirken.

2. Grenzen setzen – liebevoll und klar

Elterliche Präsenz bedeutet nicht permanente Verfügbarkeit.
Du darfst Nein sagen, Zeiten begrenzen oder dich innerlich abgrenzen – ohne dein Kind im Stich zu lassen.

Wichtig ist eine neutrale, ruhige Kommunikation, frei von Rechtfertigung oder Schuldgefühlen.

Beispiel:
„Ich bin gerade erschöpft und brauche eine Pause. Danach bin ich wieder für dich da.“

Klare Grenzen schaffen Sicherheit – für Eltern und Kinder.

3. Selbst-Containment statt Selbstverlust

Selbst-Containment bedeutet, die Gefühle des Kindes zu halten, ohne sie vollständig zu übernehmen.
Du darfst präsent sein, ohne dich selbst zu verlieren.

Kleine körperliche Anker helfen dabei:

  • eine Hand auf das Herz legen

  • bewusst ausatmen

  • innerlich sagen: „Das gehört nicht mir.“

So bleibt emotionale Nähe möglich, ohne dass sie zur Überforderung wird.

4. Unterstützung bewusst organisieren

Niemand sollte dauerhafte Co-Regulation allein leisten müssen.
Entlastung kann viele Formen haben:

  • Austausch mit Partner:in oder Freund:innen

  • Coaching oder Begleitung für hochsensible Eltern

  • Gruppen, in denen Verständnis statt Erklärung nötig ist

Auch im Alltag gilt: Weniger Aufgaben, mehr Raum für Regeneration. Selbstfürsorge ist kein Luxus, sondern Voraussetzung.

5. Qualität statt Dauerpräsenz

Nicht die Menge an Zuwendung ist entscheidend, sondern ihre Qualität.
Ein kurzer, bewusster Moment echter Verbindung kann besser  sein als ständiges Regulieren im Erschöpfungsmodus.

Beispiel:
20 Minuten gemeinsames Spiel oder Nähe – aufmerksam, klar, präsent – wirken oft stärker als ein ganzer Nachmittag im Funktionsmodus.

6. Systemische Ursachen mitdenken

Wenn Co-Regulation dauerhaft nötig ist, lohnt sich der Blick auf das Umfeld.
Belastende Fremdbetreuung oder schulische Situationen können den Regulationsbedarf massiv erhöhen.

Gespräche, kleine Anpassungen oder alternative Lösungen können bereits spürbare Entlastung bringen. Oft sind es nicht große Veränderungen, sondern fein justierte Korrekturen, die das System wieder tragfähig machen.

Fazit: Co-Regulation braucht auch Schutz für die Eltern

Es ist zutiefst menschlich, dass zu viel Co-Regulation die Freude am Elternsein dämpfen kann – besonders dann, wenn Kinder intensiv fühlen und Eltern selbst fein wahrnehmen.
Das bedeutet nicht, dass mit dem Kind „etwas nicht stimmt“. Und es sagt auch nichts über die Qualität der Elternliebe aus.

Vielmehr ist es ein Signal des gesamten Systems: Die Anforderungen sind größer geworden als das, was im Moment getragen werden kann.

Co-Regulation ist kein Dauerzustand, sondern ein Beziehungsprozess, der Nähe, Sicherheit und Wachstum ermöglicht – wenn er eingebettet ist in Pausen, Grenzen und Entlastung. Eltern dürfen sich schützen, ohne ihr Kind zu verlieren. Sie dürfen müde sein, ohne schuldig zu sein. Und sie dürfen Freude empfinden, auch wenn nicht alles perfekt ist.

Wenn Eltern lernen, ihr eigenes Nervensystem ebenso ernst zu nehmen wie das ihres Kindes, entsteht wieder Raum:
für echte Verbindung, für Leichtigkeit – und für ein Miteinander, das nicht aus Pflicht, sondern aus innerer Kraft getragen ist.

Weiterführende Impulse

In weiteren Artikeln werde ich u. a. darauf eingehen:

  • wie hochsensible Eltern ihr Nervensystem stärken können Link

  • wie Grenzen liebevoll gesetzt werden können

  • wie Reizüberflutung im Alltag reduziert wird

  • und warum Selbstfürsorge kein Luxus, sondern Voraussetzung ist

💛 Wenn du dich hier wiedergefunden hast, bist du nicht allein.

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Themen: Hochsensibilität bei Kindern, Co-Regulation, emotionale Erschöpfung von Eltern, Selbstfürsorge

Dr. Mechtild Strüßmann

Hochsensibilität | Friedvolle Elternschaft | Tiefenpsychologie

Als ganzheitlich denkende Ärztin mit tiefenpsychlogischer Weiterbildung und Coach für Persönlichkeitsentwicklung, Hochsensibilität und friedvolle Elternschaft helfe ich dir in deine volle Kraft. Deine Freiheit beginnt bei dir. Für Dich. Für deine Familie.

Quellen & weiterführende Literatur

Hochsensibilität bei Kindern (Grundlagen)

Aron, E. N. (1996).
The Highly Sensitive Person. Broadway Books.
Grundlagenwerk zur Sensory Processing Sensitivity (SPS) – beschreibt die neurobiologische Tiefe der Reizverarbeitung bei hochsensiblen Menschen.

Link

Aron, E. N., Aron, A., & Jagiellowicz, J. (2012).
Sensory Processing Sensitivity: A Review in the Light of the Evolution of Biological Responsivity.
Personality and Social Psychology Review, 16(3), 262–282.
Wissenschaftliche Einordnung von Hochsensibilität als Temperamentsmerkmal.

Link

Emotionale Co-Regulation und elterliche Erschöpfung

Roskam I, Gross JJ, Mikolajczak M, eds. Emotion Regulation and Parenting. Cambridge University Press; 2023. Ein aktueller Fachband, der den Einfluss der elterlichen emotionalen Regulation auf das Eltern-Kind-Verhältnis, elterliches Stressmanagement und emotionale Entwicklung von Kindern umfassend darlegt – inklusive Mechanismen, wie elterliche Regulation kindliche Entwicklung beeinflusst.

Link

Helena J.V. Rutherford, Norah S. Wallace, Heidemarie K. Laurent, Linda C. Mayes,
Emotion regulation in parenthood,
Developmental Review
Diese Fachübersicht beschreibt, dass die Fähigkeit zur emotionalen Regulation ein zentrales Element der Elternrolle ist und sowohl Eltern als auch Kindern hilft, mit alltäglichen Anforderungen umzugehen.

Link

Hochsensible Kinder & emotionale Verarbeitung

Pluess, M. (2015).
Individual Differences in Environmental Sensitivity.
Child Development Perspectives, 9(3), 138–143.
Zeigt, warum hochsensible Kinder stärker auf Umweltbedingungen reagieren – negativ wie positiv.

Link

Acevedo, B. P. et al. (2014).
The Highly Sensitive Brain: An fMRI Study of Sensory Processing Sensitivity.
Social Cognitive and Affective Neuroscience.
Zeigt erhöhte Aktivierung in Gehirnarealen für Empathie & emotionale Verarbeitung.

Hinweis: Hochsensibilität ist ein wissenschaftlich untersuchtes Temperamentsmerkmal und keine Diagnose. Die genannten Studien und Fachquellen dienen der Einordnung und Unterstützung betroffener Familien.

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