
Warum hochsensible Kinder besonders häufig von Mobbing betroffen sind – und wie Eltern sie stärken können
Mobbing bei hochsensiblen Kindern – Ursachen & Hilfe für Eltern
Inhaltsverzeichnis
Wenn der Schulhof schwer im Bauch liegt
Es ist kurz nach zwölf.
Andere Kinder rennen lachend aus der Schule, doch dein Kind kommt langsam auf dich zu. Der Blick ist gesenkt, die Schultern hängen. Vielleicht klagt es schon morgens über Bauchweh, vielleicht zieht es sich nach der Schule zurück oder bricht beim kleinsten Anlass in Tränen aus.
Viele Eltern spüren in diesen Momenten: Irgendetwas stimmt nicht.
Und gleichzeitig kommt die leise, quälende Frage: Haben wir etwas übersehen? Hätten wir stärker sein müssen?
Gerade bei hochsensiblen Kindern ist dieser Elternabhol-Moment oft der erste Hinweis darauf, dass Schule nicht nur Lernen bedeutet – sondern emotionaler Dauerstress sein kann. Besonders dann, wenn Ausgrenzung, spitze Bemerkungen oder offenes Mobbing im Spiel sind.
Die wichtigste Botschaft vorweg:
Das ist kein Versagen deines Kindes – und auch keines der Eltern.
Hochsensible Kinder reagieren nicht „über“, sie reagieren feiner. Ihr Nervensystem verarbeitet Reize, Stimmungen und soziale Spannungen intensiver als das anderer Kinder.
Doch warum geraten gerade sie so häufig in Mobbingdynamiken?
Warum scheinen sie besonders verletzlich – obwohl sie gleichzeitig so empathisch, klug und sozial feinfühlig sind?
Genau dieser Frage gehen wir in diesem Artikel nach.
Was bedeutet Hochsensibilität bei Kindern überhaupt?
Hochsensibilität – in der Wissenschaft als Sensory Processing Sensitivity (SPS) bezeichnet – ist kein Modebegriff und keine Diagnose, sondern ein angeborenes Temperamentsmerkmal. Geprägt wurde der Begriff maßgeblich von der Psychologin Elaine N. Aron.
Etwa 15–20 % aller Kinder nehmen ihre Umwelt intensiver wahr als andere. Das betrifft nicht nur Geräusche, Licht oder Berührungen, sondern vor allem emotionale und soziale Reize.
Hochsensible Kinder zeichnen sich häufig aus durch:
eine tiefe Wahrnehmung von Stimmungen und Zwischentönen
- starke emotionale Resonanz auf Konflikte oder Ungerechtigkeit
- ausgeprägte Empathie und Mitgefühl
- ein hohes Bedürfnis nach Sinn, Fairness und Sicherheit
Was für Außenstehende manchmal wie „Überempfindlichkeit“ wirkt, ist in Wahrheit ein Nervensystem, das mehr Informationen gleichzeitig verarbeitet – gründlicher, aber auch langsamer.
Wichtig: Abgrenzung zu anderen Begriffen
Hochsensibilität ist nicht gleichzusetzen mit:
- Schüchternheit
- mangelndem Selbstbewusstsein
- sozialer Unsicherheit
- ADHS oder Autismus
Ein hochsensibles Kind kann sehr kontaktfreudig, mutig und selbstständig sein – braucht aber mehr Zeit, um Reize und soziale Erfahrungen innerlich zu verarbeiten.
Stärken und Verletzlichkeiten
Gerade diese Tiefe ist eine große Stärke:
Hochsensible Kinder sind oft kreativ, verantwortungsvoll, intuitiv und außergewöhnlich mitfühlend.
Doch dieselbe Offenheit macht sie auch verletzlicher, wenn das soziale Umfeld hart, laut oder abwertend ist – etwa im Kontext von Schule und Gruppendynamiken.
Und genau hier beginnt das erhöhte Risiko für Mobbing.
Warum hochsensible Kinder ein erhöhtes Mobbing-Risiko haben
Mobbing entsteht selten zufällig. Es entwickelt sich in sozialen Systemen, in denen Macht, Unsicherheit und Gruppendynamiken aufeinandertreffen. Hochsensible Kinder geraten dabei nicht deshalb häufiger ins Visier, weil sie „schwach“ wären – sondern weil sie anders reagieren als viele Gleichaltrige.
Diese Andersartigkeit wird von Kindern (und leider manchmal auch von Erwachsenen) nicht immer verstanden – und genau darin liegt das Risiko.
1. Sie reagieren sichtbar – und werden dadurch angreifbar
Hochsensible Kinder zeigen, was sie fühlen.
Während andere ihre Emotionen eher überspielen oder nach außen abblocken, sind bei ihnen innere Reaktionen oft auch äußerlich erkennbar.
Das kann sich zeigen als:
Tränen bei Kränkung
Rückzug nach spitzen Bemerkungen
Erstarren in Konfliktsituationen
körperliche Reaktionen wie Bauchweh oder Übelkeit
Aus neurobiologischer Sicht ist das logisch: Das sensible Nervensystem reagiert schneller und intensiver auf soziale Bedrohung. Doch im sozialen Gefüge der Schule kann genau das problematisch werden.
Denn Kinder, die sichtbar reagieren, senden – ungewollt – ein Signal: Hier trifft etwas.
Für Kinder, die selbst unsicher sind oder Macht suchen, kann das zu einem Anreiz werden, diese Reaktion zu wiederholen. Nicht aus Bosheit, sondern aus einem unreifen Versuch heraus, sich selbst zu stabilisieren.
Wichtig zu verstehen:
Das Problem ist nicht die emotionale Reaktion des hochsensiblen Kindes – sondern der fehlende Schutzraum, in dem diese Reaktion aufgefangen wird.
2. Sie nehmen Spannungen früher wahr
Hochsensible Kinder sind oft die Ersten, die spüren, dass „etwas kippt“ – lange bevor es offen ausgesprochen wird.
Sie registrieren:
subtile Abwertungen
ironische Untertöne
Blicke, die ausgrenzen
Veränderungen in der Gruppendynamik
Während andere Kinder solche Signale übergehen oder gar nicht bemerken, ist das hochsensible Kind innerlich bereits in Alarmbereitschaft.
Das Schwierige daran:
Dieses Wissen ist oft diffus.
Viele Kinder können nicht klar benennen, was genau passiert – nur, dass sich etwas falsch anfühlt. Sätze wie
„Ich weiß nicht, warum, aber ich will da nicht mehr hin“
oder
„Die mögen mich irgendwie nicht mehr“
sind typische Hinweise darauf.
Diese frühe Wahrnehmung macht hochsensible Kinder nicht nur verletzlicher, sondern auch innerlich erschöpft. Sie stehen unter Daueranspannung – und genau diese Unsicherheit kann sie in der Gruppe weiter isolieren.
3. Sie suchen Harmonie statt Konfrontation
Ein weiteres zentrales Merkmal hochsensibler Kinder ist ihr starkes Bedürfnis nach Harmonie und Verbindung.
In Konfliktsituationen bedeutet das häufig:
sie vermeiden Eskalation
sie passen sich an, statt zu widersprechen
sie schlucken Kränkungen herunter
sie setzen Grenzen oft nicht intuitiv oder sehr spät
Nicht, weil sie keine hätten – sondern weil Konfrontation für sie emotional sehr belastend ist. Ein Streit fühlt sich für ein hochsensibles Kind nicht wie ein kurzer Schlagabtausch an, sondern wie ein tiefes inneres Beben.
Für das soziale System Schule kann das fatale Folgen haben:
Kinder, die keine klare Gegenwehr zeigen, werden in Mobbingdynamiken häufiger erneut adressiert – schlicht, weil keine sichtbare Grenze spürbar wird.
Das ist kein Charakterfehler.
Es ist Ausdruck eines Nervensystems, das Beziehung sichern will, selbst auf eigene Kosten.
4. Wenn Sensibilität zur Rolle wird – die unbewusste Überforderung im Schulalltag
Hochsensible Kinder verfügen häufig über eine ausgeprägte soziale Wahrnehmung, ein starkes Gerechtigkeitsempfinden und viel Empathie. Im schulischen Alltag wird das gut gemeint, aber oft unbewusst genutzt: Sie werden gebeten zu vermitteln, Streit zu schlichten oder andere Kinder zu unterstützen.
Was als Anerkennung gedacht ist, kann für hochsensible Kinder jedoch zur Überforderung werden. Denn sie geraten in eine Rolle, die ihnen nicht zusteht. Es ist nicht ihre Aufgabe, für Harmonie, Ordnung oder emotionale Stabilität zu sorgen – schon gar nicht dann, wenn Erwachsene selbst an ihre Grenzen kommen.
Hinzu kommt ein oft übersehener Aspekt: Kinder, die selbst stärker herausgefordert sind, erleben diese Konstellation mitunter als Abwertung. Das feinfühlige Kind erscheint „bevorzugt“ oder „besser“ – und gerät dadurch leichter ins Zentrum von Ablehnung oder Ausgrenzung.
Was eigentlich Verbindung schaffen soll, führt so ungewollt zu Rollenkonflikten, Überforderung und einer erhöhten Verletzlichkeit.
Zusammengefasst:
Hochsensible Kinder werden nicht gemobbt, weil sie sensibel sind – sondern weil ihre Art zu fühlen, wahrzunehmen und Konflikte zu vermeiden in einem wenig geschützten Umfeld leichter angreifbar ist.
Mobbing trifft hochsensible Kinder tiefer als andere
Wenn hochsensible Kinder von Mobbing betroffen sind, erleben sie das Geschehen nicht nur intensiver im Moment, sondern auch nachhaltiger in seiner Wirkung. Das hat nichts mit mangelnder Resilienz zu tun – sondern mit der Art, wie ihr Nervensystem soziale Erfahrungen verarbeitet.
Intensivere Verarbeitung sozialer Erfahrungen
Nach dem Konzept der Sensory Processing Sensitivity (Elaine Aron) verarbeiten hochsensible Menschen Reize – und dazu gehören vor allem soziale Signale – tiefer und gründlicher.
Das bedeutet bei Mobbing:
abwertende Worte werden innerlich immer wieder durchlebt
Situationen werden analysiert („Was habe ich falsch gemacht?“)
Blicke, Gesten oder Ausgrenzung brennen sich emotional stärker ein
Während andere Kinder einen Vorfall schneller „abhaken“ können, läuft er bei hochsensiblen Kindern innerlich weiter. Sie denken abends im Bett noch darüber nach, rekonstruieren Gespräche und stellen ihre eigene Rolle infrage.
Für Eltern ist wichtig zu verstehen:
Das Kind steigert sich nicht hinein – sein Gehirn arbeitet einfach tiefer.
Stärkere Stressreaktionen im Nervensystem
Hochsensible Kinder reagieren auf soziale Bedrohung häufig mit einer stärkeren physiologischen Stressantwort.
Typisch sind:
erhöhte Anspannung
Schlafprobleme
innere Unruhe oder Erschöpfung
vegetative Symptome wie Herzklopfen oder Zittern
Studien zeigen, dass bei sensiblen Kindern die Stressachse (HPA-Achse) schneller aktiviert wird. Das bedeutet: Mobbing ist für sie nicht nur emotional belastend, sondern körperlich spürbarer Stress.
Das erklärt, warum viele Eltern berichten:
„Es ist nicht nur die Schule – mein Kind ist insgesamt nicht mehr wie früher.“
Längere Erholungszeit nach belastenden Erlebnissen
Ein weiterer zentraler Punkt: Hochsensible Kinder brauchen mehr Zeit, um sich von belastenden sozialen Erfahrungen zu erholen.
Das Nervensystem bleibt länger im Alarmmodus, selbst wenn die Situation objektiv vorbei ist. Ein einzelner Vorfall kann Tage oder Wochen nachwirken.
Das zeigt sich zum Beispiel darin, dass:
das Kind morgens plötzlich nicht mehr in die Schule möchte
es nachmittags extrem erschöpft ist
Rückzug oder Reizbarkeit zunehmen
Auch hier gilt:
Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von intensiver Verarbeitung.
Erhöhte Gefahr für Selbstzweifel, körperliche Symptome und Schulangst
Wenn Mobbing über längere Zeit anhält – oder nicht ausreichend aufgefangen wird – sind hochsensible Kinder besonders gefährdet für:
Selbstzweifel:
„Mit mir stimmt etwas nicht“körperliche Symptome:
Bauchschmerzen, Kopfschmerzen, Übelkeit ohne das der Arzt etwas feststellen kann.Schulangst:
Vermeidung, Panikreaktionen, emotionale Zusammenbrüche vor dem Schulweg
Viele dieser Symptome werden missverstanden – als „Übertreibung“, „Drama“ oder „fehlende Belastbarkeit“.
Und genau hier ist die wichtigste Botschaft für Eltern:
Ihr Kind übertreibt nicht.
Es reagiert angemessen auf eine Situation, die für sein sensibles Nervensystem tatsächlich bedrohlich ist.
Je früher dieses Erleben ernst genommen wird, desto besser lassen sich langfristige Folgen vermeiden – und desto stabiler kann das Kind wieder in seine eigene innere Sicherheit zurückfinden.
Woran Eltern früh erkennen können, dass ihr hochsensibles Kind gemobbt wird
Viele Eltern hochsensibler Kinder spüren früh: Irgendetwas stimmt nicht.
Und doch ist es oft schwer, das Gefühl einzuordnen – vor allem, wenn das Kind selbst sagt: „Es ist nichts.“
Gerade hochsensible Kinder zeigen Mobbing selten laut, sondern häufig leise und indirekt. Deshalb ist es so wichtig, die frühen Warnsignale zu kennen.
Typische Warnsignale bei hochsensiblen Kindern
Psychosomatische Beschwerden
Ein sehr häufiges erstes Zeichen sind körperliche Symptome ohne klare medizinische Ursache. Das Nervensystem sucht sich einen anderen Ausdruck.
Typisch sind:
Bauchschmerzen vor Schule oder Kindergarten
Kopfschmerzen, Übelkeit, Erschöpfung
plötzliche Schlafprobleme oder Albträume
Viele Eltern hören dann Sätze wie:
„Mir ist einfach nicht gut“
„Ich kann da heute nicht hin“
Diese Beschwerden sind kein Vorwand, sondern ein ernstzunehmendes Stresssignal.
Rückzug und Veränderung im Verhalten
Hochsensible Kinder ziehen sich bei Überforderung häufig nach innen zurück.
Achte auf Veränderungen wie:
weniger Erzählen vom Schulalltag
Rückzug ins eigene Zimmer
Verlust von Freude an früher geliebten Aktivitäten
auffällige Stille oder „Abwesenheit“
Manche Kinder wirken plötzlich „reifer“, angepasster – andere reagieren gereizt oder weinerlich. Beides kann ein Zeichen dafür sein, dass sie innerlich kämpfen.
Emotionale Überforderung und schnelle Erschöpfung
Ein weiteres wichtiges Warnsignal ist eine ungewöhnlich hohe emotionale Reaktion auf scheinbar kleine Auslöser.
Zum Beispiel:
Tränen wegen Kleinigkeiten
starke Wut oder Hilflosigkeit am Nachmittag
„explodieren“ zu Hause, obwohl das Kind in der Schule angepasst wirkt
Gerade hochsensible Kinder halten sich im Außen oft lange zusammen – und lassen erst im sicheren Raum zu Hause los.
Das ist kein schlechtes Benehmen, sondern ein Zeichen von emotionaler Daueranspannung.
Warum hochsensible Kinder oft nicht offen erzählen
Viele Eltern fragen sich:
„Warum sagt mein Kind nichts, wenn es ihm so schlecht geht?“
Die Gründe sind bei hochsensiblen Kindern oft komplex – und sehr nachvollziehbar.
Scham und Selbstzweifel
Hochsensible Kinder hinterfragen sich stark. Sie spüren Ablehnung intensiv und beziehen sie schnell auf sich selbst.
Typische innere Gedanken sind:
„Mit mir stimmt etwas nicht“
„Ich bin zu empfindlich“
„Ich darf kein Problem sein“
Diese Scham macht es schwer, über Mobbing zu sprechen – vor allem, wenn das Kind das Gefühl hat, anders zu sein.
Loyalität und Schutz der Erwachsenen
Viele hochsensible Kinder möchten ihre Eltern nicht belasten. Sie spüren sehr genau, wie es anderen geht – und übernehmen früh Verantwortung.
Manche denken:
„Mama soll sich keine Sorgen machen“
„Papa wird sonst traurig oder wütend“
Andere fürchten, dass ein Gespräch alles „schlimmer“ macht oder sie als „Petze“ dastehen lässt.
Wichtig für Eltern:
Wenn dein hochsensibles Kind nicht erzählt, heißt das nicht, dass nichts passiert. Es bedeutet auch nicht, dass das Kind den Eltern nicht vertraut oder sie etwas falsch machen.
Oft bedeutet es vielmehr, dass es alleine versucht, etwas zu tragen, das zu schwer für ein Kind ist.
Ein feinfühliges, wertfreies Nachfragen – ohne Druck – ist hier der Schlüssel. Und manchmal braucht es Zeit, bis sich ein Kind sicher genug fühlt, seine innere Welt zu öffnen.
Was hochsensible Kinder jetzt wirklich brauchen
Wenn ein hochsensibles Kind Mobbing erlebt oder dauerhaft unter sozialem Stress steht, geht es nicht zuerst um Strategien, sondern um innere Stabilität.
Erst wenn sich das Nervensystem sicher fühlt, können Kinder wieder wachsen, sich abgrenzen und mutiger zeigen.
1. Einen sicheren emotionalen Hafen
Für hochsensible Kinder sind ihre Eltern kein Zuschauer, sondern ein aktiver Teil ihres inneren Stabilisierungssystems.
Man kann sich das vorstellen wie einen emotionalen Hafen:
Draußen ist das Meer unruhig – drinnen darf das Kind ankommen, auftanken und sich sicher fühlen.
Das bedeutet konkret:
Das Kind darf mit allen Gefühlen kommen, ohne bewertet zu werden
Tränen müssen nicht „weggetröstet“ werden
Wut darf sein, ohne dass sie korrigiert wird
Aus neurobiologischer Sicht spricht man hier von Co-Regulation:
Das kindliche Nervensystem kann sich nur dann beruhigen, wenn ein ruhiges, präsentes Erwachsenensystem verfügbar ist.
Nicht das schnelle Lösen des Problems heilt – sondern das Gefühl: Ich bin nicht allein.
2. Verständnis statt „Abhärtung“
Sätze wie
„Da musst du drüberstehen“
„Das Leben ist nun mal hart“
„Du darfst dir das nicht so zu Herzen nehmen“
sind gut gemeint – aber für hochsensible Kinder oft verletzend.
Denn sie vermitteln unbewusst:
„So wie du bist, bist du falsch.“
Hochsensibilität ist keine Schwäche, die „wegtrainiert“ werden muss, sondern eine neurobiologische Disposition.
Ein sensibles Nervensystem lässt sich nicht abhärten – aber stärken, wenn es verstanden wird.
Was Kinder stattdessen brauchen:
Spiegelung: „Ich sehe, wie schwer das für dich ist“
Erlaubnis: „Deine Gefühle sind berechtigt“
Orientierung: „Wir schauen gemeinsam, was dir hilft“
Verständnis ist kein Verwöhnen.
Es ist die Grundlage dafür, dass ein Kind innere Sicherheit entwickelt – und langfristig resilienter wird.
3. Begleitete Grenzkompetenz
Ein wichtiger Punkt:
Hochsensible Kinder müssen lernen, Grenzen zu setzen – aber auf ihre Weise.
Grenzen setzen heißt nicht:
laut werden
zurückschlagen
sich verbiegen oder hart werden
Sondern:
die eigenen Gefühle wahrnehmen
Signale ernst nehmen
Schritt für Schritt Handlungsspielräume entwickeln
Das gelingt hochsensiblen Kindern am besten begleitet:
durch Rollenspiele
durch klare Worte, die sie sich „ausleihen“ dürfen
durch Erwachsene, die ihnen zutrauen, ihren eigenen Weg zu finden
Nicht jedes Kind muss kämpfen lernen.
Manche lernen zuerst, bei sich zu bleiben – und genau daraus entsteht Stärke.
Konkrete Strategien für Eltern im Alltag
Wenn Eltern merken oder vermuten, dass ihr hochsensibles Kind unter Ausgrenzung oder Mobbing leidet, entsteht oft ein innerer Druck: Ich muss jetzt sofort etwas tun.
Gleichzeitig braucht es hier Feingefühl statt Aktionismus – denn hochsensible Kinder reagieren besonders sensibel auf Druck, auch von wohlmeinenden Erwachsenen.
Gespräche führen – ohne Druck und Verhörgefühl
Viele hochsensible Kinder erzählen nicht von selbst, was sie belastet.
Nicht, weil sie nichts spüren – sondern weil sie zu viel spüren.
Hilfreich ist:
ruhige, offene Gesprächseinladungen
keine direkten Warum-Fragen
echtes Zuhören ohne sofortige Lösungsvorschläge
Statt:
„Was ist denn schon wieder passiert?“
lieber:
„Ich habe das Gefühl, dass dich etwas beschäftigt. Wenn du magst, bin ich da.“
Manchmal kommt die Antwort nicht sofort – und das ist okay.
Vertrauen wächst nicht durch Nachfragen, sondern durch verlässliche Präsenz.
Schule oder Kindergarten behutsam einbeziehen
Viele Eltern zögern, pädagogische Fachkräfte anzusprechen – aus Angst, ihr Kind könnte dadurch noch mehr auffallen.
Doch gerade hochsensible Kinder profitieren davon, nicht alleine tragen zu müssen, was sie überfordert.
Wichtig ist dabei:
sachlich und ruhig bleiben
nicht anklagen, sondern gemeinsam hinschauen
das Kind vorab einbeziehen („Ist es okay, wenn ich mit der Lehrerin spreche?“)
Ein gemeinsames Verständnis kann viel bewirken:
klare Beobachtung, achtsame Intervention, mehr Schutz im Alltag.
Soziale Rollen stärken – ohne das Kind zu verbiegen
Hochsensible Kinder haben oft einen feinen Platz in Gruppen – sie sind Beobachter:innen, Verbinder:innen, kreative Denker:innen.
Problematisch wird es, wenn sie ausschließlich über ihre Anpassungsfähigkeit definiert werden.
Eltern können helfen, indem sie:
Stärken sichtbar machen
Erfolgserlebnisse außerhalb der Klassendynamik ermöglichen
dem Kind Räume geben, in denen es nicht funktionieren muss
Das Ziel ist nicht, das Kind „beliebter“ zu machen –
sondern innerlich stabiler.
Selbstwert unabhängig von Gruppenzugehörigkeit aufbauen
Ein zentraler Schutzfaktor für hochsensible Kinder ist ein Selbstwert, der nicht davon abhängt, wie andere sie behandeln.
Das gelingt, wenn Kinder erleben:
Ich bin wertvoll, auch wenn ich nicht dazugehöre
Meine Gefühle sind richtig
Ich darf meinen eigenen Rhythmus haben
Eltern können das im Alltag unterstützen durch:
ehrliches Interesse am inneren Erleben
Wertschätzung jenseits von Leistung
Vorleben von Selbstmitgefühl
Ein Kind, das sich innerlich getragen fühlt, ist weniger angreifbar – selbst in schwierigen sozialen Situationen.
Wann professionelle Hilfe sinnvoll sein kann
Manchmal reichen elterliche Begleitung, Gespräche mit der Schule und stärkende Impulse im Alltag nicht aus.
Nicht, weil Eltern etwas falsch machen – sondern weil die Belastung für das hochsensible Kind zu groß geworden ist, um sie allein zu regulieren.
Professionelle Unterstützung kann sinnvoll sein, wenn:
körperliche Beschwerden (Bauch- oder Kopfschmerzen) anhalten
das Kind zunehmend Angst vor Schule oder Kindergarten entwickelt
Schlafstörungen, Rückzug oder emotionale Überforderung zunehmen
sich Selbstzweifel oder ein negatives Selbstbild verfestigen
das Thema Mobbing über Wochen oder Monate besteht
Gerade bei hochsensiblen Kindern gilt:
Frühzeitige Begleitung ist keine Überreaktion, sondern Prävention.
Hilfreich können sein:
kinder- und jugendpsychotherapeutische Begleitung
traumasensible Beratung
Elterncoaching mit Fokus auf Hochsensibilität
schulinterne Unterstützungsangebote
Wichtig ist, dass die Fachperson Hochsensibilität versteht – nicht als Defizit, sondern als besondere Form der Wahrnehmung und Verarbeitung.
Eine ermutigende Botschaft zum Schluss
Wenn dein hochsensibles Kind unter Mobbing leidet, bedeutet das nicht, dass es zu schwach ist für diese Welt.
Es bedeutet, dass sein Nervensystem feiner eingestellt ist – und dadurch auch verletzlicher in einem Umfeld, das oft wenig Raum für Tiefe, Empathie und Langsamkeit lässt.
Hochsensible Kinder brauchen:
Schutz statt Abhärtung
Verständnis statt Bewertungen
Begleitung statt Alleingelassenwerden
Mit einem sicheren emotionalen Zuhause, klarer elterlicher Präsenz und der richtigen Unterstützung können sie lernen, sich selbst treu zu bleiben, ohne sich ständig anpassen zu müssen.
Und genau hier beginnt echte innere Stärke.
Weiterführende Impulse
In weiteren Artikeln werde ich u. a. darauf eingehen:
wie hochsensible Eltern ihr Nervensystem stärken können Link
wie Grenzen liebevoll gesetzt werden können
wie Reizüberflutung im Alltag reduziert wird
und warum Selbstfürsorge kein Luxus, sondern Voraussetzung ist
💛 Wenn du dich hier wiedergefunden hast, bist du nicht allein.
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Dr. Mechtild Strüßmann
Hochsensibilität | Friedvolle Elternschaft | Tiefenpsychologie
Als ganzheitlich denkende Ärztin mit tiefenpsychlogischer Weiterbildung und Coach für Persönlichkeitsentwicklung, Hochsensibilität und friedvolle Elternschaft helfe ich dir in deine volle Kraft. Deine Freiheit beginnt bei dir. Für Dich. Für deine Familie.

Quellen & weiterführende Literatur zu Hochsensibilität und Mobbing
Hochsensibilität bei Kindern (Grundlagen)
Aron, E. N. (1996).
The Highly Sensitive Person. Broadway Books.
Grundlagenwerk zur Sensory Processing Sensitivity (SPS) – beschreibt die neurobiologische Tiefe der Reizverarbeitung bei hochsensiblen Menschen.
Aron, E. N., Aron, A., & Jagiellowicz, J. (2012).
Sensory Processing Sensitivity: A Review in the Light of the Evolution of Biological Responsivity.
Personality and Social Psychology Review, 16(3), 262–282.
Wissenschaftliche Einordnung von Hochsensibilität als Temperamentsmerkmal.
Hochsensible Kinder & emotionale Verarbeitung
Pluess, M. (2015).
Individual Differences in Environmental Sensitivity.
Child Development Perspectives, 9(3), 138–143.
Zeigt, warum hochsensible Kinder stärker auf Umweltbedingungen reagieren – negativ wie positiv.
Acevedo, B. P. et al. (2014).
The Highly Sensitive Brain: An fMRI Study of Sensory Processing Sensitivity.
Social Cognitive and Affective Neuroscience.
Zeigt erhöhte Aktivierung in Gehirnarealen für Empathie & emotionale Verarbeitung.
Mobbing bei Kindern – psychologische Auswirkungen
Olweus, D. (1993).
Bullying at School: What We Know and What We Can Do.
Blackwell Publishing.
International anerkanntes Standardwerk zu Mobbing, Dynamiken und Prävention
Arseneault, L. et al. (2010).
Bullying victimization uniquely contributes to adjustment problems in young children.
Pediatrics, 125(2).
Zeigt Zusammenhang zwischen Mobbing und psychosomatischen Beschwerden.
Warum sensible Kinder stärker betroffen sind
Nishina, A., & Juvonen, J. (2005).
Daily Reports of Witnessing and Experiencing Peer Harassment.
Child Development, 76(2).
Kinder mit hoher emotionaler Wahrnehmung verarbeiten Mobbing intensiver.
McLaughlin, K. A., Hatzenbuehler, M. L., & Hilt, L. M. (2009). Emotion dysregulation as a mechanism linking peer victimization to internalizing symptoms in adolescents. Journal of Consulting and Clinical Psychology, 77(5), 894–904.
Verbindung zwischen emotionaler Sensitivität und sozialer Verwundbarkeit.
Warnsignale & psychosomatische Symptome
Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie (DGKJP)
Psychische Folgen von Mobbing im Kindesalter
Fachlich fundierte Übersicht zu Warnzeichen & Belastungsreaktionen.
WHO – Child mental health & bullying
Internationale Einordnung der gesundheitlichen Folgen von Mobbing.
Unterstützung & Prävention
Bundesinstitut für öffentliche Gesundheit
Mobbing bei Kindern und Jugendlichen erkennen und handeln
Praxisnahe Empfehlungen für Eltern & Schulen.
Hinweis: Hochsensibilität ist ein wissenschaftlich untersuchtes Temperamentsmerkmal und keine Diagnose. Die genannten Studien und Fachquellen dienen der Einordnung und Unterstützung betroffener Familien.